Im Visier der Cyberanalysten


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Wenn Alex Lemmer über den Wahlkampfauftritt von Ministerpräsidentin Malu Dreyer, zugleich Spitzenkandidatin der SPD, in Mayen spricht, ist ihm die Irritation noch anzumerken. „Und dann kommt mein Chef und sagt, dass die Polizei mich sprechen will“, schildert er sein Erlebnis vom Montagnachmittag. Lemmer ist 50, ein Mann mit Bürstenhaarschnitt, Drei-Tage-Bart und Ohrring – und er ist Motorsportfan. Mit seinen „Wippermann-Freunden“, benannt nach einem Streckenabschnitt des Nürburgrings, zeltet und feiert er gerne an der legendären Eifel-Rennstrecke. Die Fans des Rings sind nicht gut auf die Landesregierung zu sprechen. Nach dem politischen Desaster um den Ausbau zum Freizeitpark und die Finanzierung mit windigen Geschäftsleuten ging die landeseigene Betreibergesellschaft in die Insolvenz. Nun gehört der Nürburgring russischen Investoren um den Milliardär Viktor Charitonin.

Als der Auftritt Dreyers auf ihrer Facebook-Seite angekündigt wurde, machten die Unzufriedenen ihrem Ärger Luft. „Ich hätte da noch ’ne Frage: …wie sieht es denn mittlerweile mit dem Bezahlen aus?“, spielt ein Mann auf die noch offenen Handwerkerrechnungen am Nürburgring an. Ein anderer montiert auf ein Foto, das Dreyer und Beck zeigt, eine Sprechblase: „Wir werden sie alle verarschen…mit einem Oligarchen.“ Alex Lemmer markiert das mit einem „gefällt mir“-Klick. Dann aber postet er um 10.53 Uhr selbst: „Da geht’s rund !!!! froilein.“ Einem Facebook-Nutzer gefällt der Eintrag, ein anderer moniert: „Unsinniger Beitrag“. Soweit das Geschehen auf Facebook.

screenshot N-Ring

Die Cyberanalysten des Staatschutzes beim Polizeipräsidium Koblenz halten Lemmers Beitrag für verdächtig, sie stufen ihn als Bedrohung ein. Was dann folgt, ist nach den Worten des Pressesprechers im Innenministerium, Marco Pecht, eine „Gefährderansprache“. Das heißt, Beamte nehmen mit der Person vor der Veranstaltung persönlichen Kontakt zu Hause oder auf der Arbeitsstelle auf. So wurde die besagte Person von Beamten der Polizeiinspektion Hachenburg aufgesucht.“ Laut Lemmler war es gegen 15 Uhr, als er an seiner Arbeitsstelle – Lemmer ist Fertigungsleiter in einer Schilderfabrik in Nistertal im Westerwald – Besuch von den Beamten bekam. Nach seinen Worten wurde er gefragt, ob er mit dem Satz zu Gewalt habe aufrufen wollen. Er habe die Frage zunächst nicht Ernst genommen, aber als die Beamten mit dem Staatsschutz gedroht hätten, sei ihm das Lachen vergangen. Er habe mit dem Satz nur sagen wollen, dass bestimmt viele kritische Fragen rund um den Nürburgring gestellt werden, erklärt er. Nach Angaben des Innenministeriums liest sich das Ergebnis der „Gefährderansprache“ so: „Der Betreffende bedauerte im persönlichen Gespräch den Post und erklärte, dass er selbst gar nicht vorhabe, an der Veranstaltung teilzunehmen. Aus polizeilicher Sicht war damit die Angelegenheit erledigt.“

Und was sagt Malu Dreyer über ihren Auftritt in Mayen? Auf der Facebook-Seite postet sie: Herzlichen Dank für den tollen Empfang eben in Mayen bei unserer Kandidatin Martina Luig-Kaspari. Es hat mich gefreut, dass auch Andrea Nahles gekommen ist. Es ist schön, dass sich so viele Menschen für unser Programm interessieren!

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Karin Dauscher

Über Karin Dauscher

Karin Dauscher (49) beobachtet die Landespolitik seit 2001. Sie hat Rot-Gelb, Rot und Rot-Grün an der Regierung erlebt, die Einführung der Ganztagsschule, den Streit um den Nürburgring und das Ringen um die Energiewende. Nach einem Studium der Germanistik, der Politikwissenschaft und der Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie in der Öffentlichkeitsabteilung der BASF und wechselte 1994 zur RHEINPFALZ. Ihr Kürzel: kad

18 Gedanken zu „Im Visier der Cyberanalysten

  1. Christian Scherka

    Was bitte soll an der Aussage „Da geht’s rund froilein“ Gefährderansprache sein? Der arme Mann wird jetzt so traumatisiert sein, dass er sich nie wieder wagt, öffentlich seine Meinung zu äußern. Ein Sieg für die Demokratie! Eine weitere kritische Stimme wurde eingeschüchtert und mundtot gemacht.

    1. Andreas

      Das dürfte der Sinn der Sache gewesen sein.

      Wir entfernen uns immer mehr von einem Rechtsstaat.

  2. Stefan

    Da sollte sich der „Staatsschutz“ (abgekürzt: SS!) mal um seine eigenen Kollegen kümmern. Eine solche polizeiliche Maßnahme, aufgrund eines harmlosen 08/15 Postings, ist ein Versuch der Einschüchterung und könnte somit als Staatsterrorismus bezeichnet werden.

  3. Easy Rider

    Dreyer, Gabriel, Stegner, Nahles, Schwesig … last but not least: Maas. Laut Umfrage SPD bei 33% ? Ich will hier nur noch raus!!

  4. Pingback: Cyberanalysten: Harmlose Facebookposts extrem gefährlich – Bubbles Blog

  5. Pingback: Da geht’s rund !!!! froilein. – stohl.de

  6. Witwer Bolte

    Ich kann’s einfach nicht glauben! Ich habe mir auch ein FB-Konto zugelegt, und poste hin und wieder einmal; meist Ironisches. Wenn die SS- ääääh Staatsschutzleute ihre Aufgabe weiter so konsequent verfolgen, werden alle jetzt und künftig bei uns eintreffenden Facharbeiter, Spezialisten und Kulturschaffenden nicht ausreichen, dieses Feld zu beackern!

  7. Erwin

    Er hätte eben „Fräulein“ anstatt „Froilein“ schreiben sollen…..
    Ein Schelm der dabei böses denkt.

    Das Verhalten der etablierten Politmeschpoke errinnert stark an ein verängstigtes Tier welches alles beißt was ihm Nahe kommt.

    Was sind das für erbarmliche Oportunisten!
    Mann stelle sich vor auch nur eine(r) aus Reihen der CDU, noch schlimmer der SPD, hätte vor 2 Jahren nur ganz leise in den Raum gestellt das Asylgesetz solle verschärft werden – der Nachhall des Aufschreis der „politischen Konkursmasse“ wäre heute noch zu vernehmen.
    Und jetzt wo diese Politik kritische Menschen auf den Plan gerufen hat, umgangsprachlich Nazis und brauner Mob, und sich diese mehr und mehr Gehör verschaffen und an Akzeptanz gewinnen, wird deren poltisches Gedankengut übernommen und umgesetzt.
    Vor noch knapp einem Jahr ein Unding!
    Was müssen diese Herrschaften Angst vor AFD und Co haben…sind es doch die Geister die sie selbst riefen.

    Dies kann nur noch als überaus ekelhaft bezeichet werden.

  8. Hans-Peter Raths

    ich wohne in der VG Adenau in der Nähe des Nürburgrings. Da es eine sehr strukturschwache Region ist, wurde seinerzeit die Absicht der Landesregierung, etwas für die Eifel zu tun, über alle Parteigrenzen hinweg begrüßt. Mein schwarz regierter Kreis AW stand an der Spitze der Bewegung, auch die hiesigen CDU-Landtagsabgeordneten. Da Politiker für ein solches Projekt naturgemäß nicht ausreichend sachkundig sein können, muss man sich externe beraten lassen. Bei der Auswahl des darin eigentlich erfahrenen Unternehmens ist man sicher an den Falschen geraten. Dass sich die CDU davonstahl, als es ungemütlich wurde am Nürburgring, dass sie keinerlei Alternativkonzepte aufzeigte und nur die Landesregierung pauschal kritisierte, war sicher kein Ruhmesblatt. Auch die Aktion von Herrn Lemmer gegen Frau Dreier war einfach nur plump.

  9. Torsten Steinke

    Wer, ohne Ironie kenntlich zu machen, das “oi“ einer „Skinheadbewegung“ im Zshg. mit “geht rund“ postet, sollte sich nicht wundern. Keine vorsorgliche Ansprache wäre m. E. nicht gerechtfertigt.
    Die MPin ist zu schützen.

    1. Witwer Bolte

      Tja, wer sich mit den diversen geheimen Zeichen aller möglichen klandestinen Organisationen, Vereine, Gruppen, Grüppchen und sonstige nicht auskennt und einfach so schreibt, wie ihm der Schnabel, sorry, die Kralle gewachsen ist, der hat – wieder sorry – auf’s Brett geschissen! Und das „oi“ der Skins ist schon relativ „insidig“…

    2. Omno Mono

      Wow das ist ja interessant…
      Mir war nie bewusst das „oi“ mit einer Skinheadbewegung im Zusammenhang steht.
      Aber ich muss gestehen das ich es schon immer seltsam fand.
      Bin vor ein paar Jahren in den Norden gezogen und alle begrüßen sich hier mit „Moin Moin“.
      Alles verkappte Nazi’s hier im Norden.
      Danke das Sie mich schlauer gemacht haben.
      Werde schauen das ich bald wieder in südlichere Gefilde umziehe…
      Will ja nicht auch noch indoktieniert werden…

      gz om
      😉

  10. Kurt

    1. Hat Herr Lemmer zugegeben ein Anhänger der Oi!-Bewegung zu sein?

    2. Falls ja, hat die ursprüngliche Oi!-Bewegung trotzdem rein gar nichts mit Politik an der Mütze! Nachzulesen im Buch Punk Rock von John Robb S. 449 f.

    Also der Bogen von Oi! auf Skinhead und schließlich auf Nazis zeugt wirklich nicht von Intellekt, wenn ich das so höflich formulieren darf.
    Ich denke auch das Oi! Nur klandestin wirkt, wenn man einfach keine Ahnung hat.

    Mal ein Buch zu lesen tät einigen Vorkommentatoren wirklich gut.

    Man hätte unserem Mitbürger auch mit dem Staatsschutz gedroht, wenn er Bruno Mars gut fände.

    Grüße, Kurt

  11. Hans-Wilhelm Dampf

    In der Menschheitsgeschichte hatte man vermutlich immer „griffige Rechtfertigungen“ für diverse „Vergehen“…und mit genügend „Kreativität“ und „durchtriebener Gesinnung“, lässt sich aus Vielem so ziemlich alles „heraus-lesen“.
    Man kann das bei der Wahrsagerin auf der Kirmes beobachten – sie liest aus Händen die Zukunft.
    Der „Staatsschutz“ liest aus FB-Kommentaren „zukünftige Gefährdungen“.
    Der Gehalt solcher „Erkenntnisse“ ist vermutlich auf identischem Niveau…allerdings dürften die „Staatsschützer“ aktuell noch besser verdienen, als die Wahrsagerin.

    Vielleicht sollte ich meine Tarot-Karten nehmen und mal beim „Staatsschutz“ vorstellig werden, dann ist meine monetäre Versorgung vermutlich über Jahre gesichert.

    Lieber „Staatsschutz“, liebe „Polizei“, bevor IHR euch auf den Weg zu mir macht, beachtet bitte was folgt:
    Dieser Post ist Ironie, ein Scherz und von mir geht keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung aus !!! Nochmal langsam: Ironie, Scherz, keine Gefahr !!! Alles verstanden? Gut.

    1. Anton Freier

      Ich glaube es raucht,

      KEIN Personal bei Eibrüchen, KEIN Personal für Prevention gegen Totschlag, Vergewaltigung, Raub u was weis ich noch, aber harmlosen Bikern hinterherschnüffeln, da haben wir massenhaft Beamte. Sind wir denn tiefer gesunken als die Ossies in der DeDeRedä es waren?
      Sowas soll man wählen?

  12. Pingback: Facebook-Post verursacht Polizei-Einsatz » Xgadget.de

  13. Konrad Bauereis

    „Jetzt bist du dran, Doktor!“
    Verhältnisse wie in Syrien:
    “ Fünf Jahre Krieg in Syrien
    Der Junge, der den Krieg in Syrien auslöste “
    http://www.sueddeutsche.de/politik/fuenf-jahre-krieg-in-syrien-der-junge-der-den-krieg-in-syrien-ausloeste-1.2902137

    „Im Februar 2011 sprüht ein Zehnjähriger ein paar Sprüche an die Mauer seiner Schule. Damit beginnt der Krieg, der bis heute dauert. Wir haben den Jungen in Jordanien getroffen.“

    “ Bald schickte das Regime Panzer und in ganz Syrien skandierten die Menschen …“
    Da kann der Mann hier froh sein, dass nur der Staatsschutz sich eingeschaltet hat.
    Man sollte doch meinen, Deutschland sein zivilisierter Rechtsstaat.

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