Was für ein Mann!


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Ich kann nicht anders. Ich muss hinschauen, muss ihn ansehen. Was für ein Mann! Fünf-Tage-Bart, Wollmütze, Jack-Wolfskin-Jacke, verwaschene Jeans, Outdoorschuhe. So ganz anders als die anderen Männer, die hier in der Kälte auf Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen warten. Die stehen da alle in Anzug und Schlips. Was man halt so trägt, wenn man bei der CDU ist, die Verteidigungsministerin nach Zweibrücken kommt und man sich schick machen will. Der Outdoormann fällt in dieser Runde eindeutig auf – doch nicht nur mir.

Von der Leyen steigt aus dem Auto aus, begrüßt, schreitet vorbei, flankiert von Männern in grauen Anzügen. Aha, Personenschutz. Einer von ihnen hat jetzt auch die Augen auf den Outdoormann gerichtet. Ja, recht so. Schnappt ihn euch. Wenn dieser Typ mal nicht verdächtig ist, wie er da so drahtig steht mit seinem Rucksack. Wer weiß, was da drin ist, was der Mann vorhat, doch sicher nicht nur eine Wanderung! Müsste der nicht mal kontrolliert werden? Der Personenschützer schaut ihn an, denkt bestimmt dasselbe wie ich – und zwinkert ihm zu. Oha. Jetzt begreife auch ich: Der auffällige Outdoormann gehört zu den harten Jungs, die Leib und Leben der Bundesministerin schützen. Das erklärt auch, warum der Mann die ganze Zeit so grimmig-gleichgültig guckt, während die CDUler die Ministerin anlächeln. Wer so wichtig ist, lächelt nicht.

Während von der Leyen spricht, muss ich noch mal hinschauen, muss ich ihn ansehen. Was für ein Mann! Bei den Personenschützern mit Anzug ranken Kabel in die Ohren hinein, beim Outdoormann nicht. Er trägt an der Stelle Ohrringe, hat auch an den Händen mehrere Ringe, sogar am Daumen. Die Zuhörer haben in dem warmen Gebäude längst ihre Mäntel abgelegt, aber Herr Outdoor behält Fleeceweste und Jacke selbstverfreilich an, auch den Rucksack. Und das grimmige Gesicht, mit dem er sich immer wieder im Raum umsieht. Blick durch die Reihen, Blick Richtung Tür, Blick Richtung Fotograf, der verdächtig lange in seiner Fototasche kramt, aber nur ein Objektiv herausholt. Wieder Blick durch die Reihen. Dann Platzwechsel. Die Anzugträger, aber auch der Outdoormann tauschen immer wieder ihre Posten. Mal stehen sie neben von der Leyen, dann ihr gegenüber; zwar stets mit ein paar Metern Abstand, aber doch immer in der Nähe. Und es sind viele. Der Outdoormann hat noch weitere Kollegen dabei, die auffallend sportlich gekleidet sind. Trekkingschuhe, North-Face-Jacke, Wellensteyn-Parka. Personenschutz mit Wetterschutz.

Nach einer Stunde muss von der Leyen zum nächsten Wahlkampftermin. Zwischenfälle gab’s in Zweibrücken keine. Zumindest keine, bei denen die Personenschützer aktiv wurden. Was verwunderlich ist. Denn Zweibrückens Bürgermeister, CDU-Mann Rolf Franzen, ging der Verteidigungsministerin tatsächlich an den Kragen. Als von der Leyen ihn begrüßte, kam er ihr gefährlich nahe. Er streckte forsch die Hand aus – und richtete der Bundesverteidigungsministerin ungefragt die Bluse. Was für ein Übergriff. Sie trug es mit Fassung, lachte sogar. Rolf Franzen grinste schelmisch. Auch da muss man sagen: Was für ein Mann.

Die Verteidugungsministerin Ursula von der Leyen spricht im DVAG-Zenrum Zweibrücken zur Sicherheitspolitik, 01.03.16: Dabei ZW-Landtagskandidat der CDU, Christoph Gensch, und MdB Anita Schäfer

Zweibrückens Bürgermeister Rolf Franzen (rechts) ging Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Zweibrücken an den Kragen – und niemand schritt ein. (Foto: Moschel)

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Steffi Blinn

Über Steffi Blinn

Geboren 1981 in Zweibrücken. Hat gerne und oft die Wahl. Zum Beispiel beruflich: Zeitung oder Bauernhof? Zuerst nur Zeitung, jetzt irgendwie beides. Hat Englisch, Medienwissenschaft und Soziologie in Trier und Dublin studiert, durfte dort aber nicht mitwählen. Lebt, wählt und schreibt in der Westpfalz, Letzteres seit 2011 für die Lokalredaktion Zweibrücken.