Wie ein Faltbootfahrer


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Ja mein Freund Charly. Vergangene Woche erwähnte ich hier im Blog die grünen Hühnereier, die er mir neulich mitgebracht hat. „Kretschmann-Eier“, wie Charly sagte. Er wohnt im baden-württembergischen Weil. Auch dort ist am 13. März Landtagswahl. Ich hatte auch erzählt, dass Charly und ich seit Studentenzeiten jeder ein altes Zweisitzer-Pouch-Faltboot besitzen. Damals vor über 30 Jahren hatten wir kein Geld für ein westdeutsches Faltboot der Nobelmarke Klepper. Also fuhren wir Pouch – die wesentlich billigere DDR-Ausführung. Sie hat uns nie im Stich gelassen. Weder auf Tiber, Ticino, Dordogne oder Loire, deren Panorama wir auf mehrtägigen Wanderfahrten aus der Flussperspektive erlebten. Noch auf dem Otterbach in der Südpfalz, wo wir für ein verwildertes, nur drei Kilometer langes Stück viele Stunden brauchten. Was das alles im Wahlzeit-Blog zu tun hat? Wahlkämpfer können von Faltbootfahrern viel lernen. Ganz viel sogar …

Die Kunststoffhaut der Faltboote ist verletzlich. Wie ein Rambo kann man damit nicht durch Schwalle und Schnellen steuern. Es braucht einen guten Blick für Gefahren, man muss rechtzeitig gegensteuern. Und das kann nur, wer im richtigen Moment schneller ist als die Strömung. Das heißt: Als Faltbootfahrer darf man nicht zu ängstlich, aber auch nicht zu draufgängerisch sein. Ein Donald Trump würde als Faltbootfahrer scheitern. Und stimmt meine These, dann knallt er deshalb auch als Präsidentschaftskandidat an die Wand!

Wird es im Flussbett zu verblockt, muss das Hindernis umtragen werden. Dazu braucht es Freunde, die einem helfen. Ein schweres Faltboot, voll gepackt mit Zelt und Campingausrüstung, schleppt man nicht alleine bis hinter das Wehr. Wären Wahlkämpfer Faltbootfahrer, würden sie manche Fehleinschätzung vermeiden. Wasser ist ein guter Lehrmeister, vermeintliche Stimmungsströme im Meer der Wähler sind es nicht.

Schon der Aufbau eines Faltboots ist ein Abenteuer: Gefühlte drei Dutzend Teile, noch mehr Flügelschrauben und Riemchen. Wer da keinen genauen Plan im Kopf hat, der scheitert. Wie Wahlkämpfer, die ihr eigenes Wahlprogramm nicht kennen. Dass es die gibt, haben wir in den vergangenen Wochen erlebt!

Aber: Was passiert, wenn man doch kentert? Charly ist das auf der Dordogne passiert, mir auf dem Tiber. Bei ihm war es Überschätzung, bei mir ein glatter Fahrfehler. Was also könnten sich Wahlkämpfer von gekenterten Faltbootfahrern auf jeden Fall abschauen? Wie man nicht untergeht !!!

Pouch ist eine Gemeinde am Muldestausee bei Bitterfeld. Die DDR-Faltbootwerft war 1953 einfach nach dem Ort benannt worden. Der frühere VEB Kunststoff- und Textilverarbeitungswerk Pouch hatte – anders als viele anderen DDR-Betriebe – die Turbulenzen der Widervereinigung zunächst ganz gut umschifft. Ein Dutzend Mitarbeiter produzierten schließlich jährlich rund 300 Faltboote. Jetzt aber hat die Poucher Boote GmbH, wie das Unternehmen heute heißt, finanzielle Probleme: Vergangenen Monat wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Schwieriges Fahrwasser also. Insolvenzverwalter Nikolas Schmidt ist aber optimistisch, dass die Poucher Boote am Markt blieben und mittelfristig ein neuer Investor gefunden wird.

Charly und ich drücken die Daumen. Und als Faltbootfahrer haben wir für Wahlkämpfer noch einen Ratschlag: Nie das Paddel verlieren! Denn sonst …

Pouch-Faltboot

Bei Hochwasser sogar straßentauglich: Faltboot vom Traditionshersteller Poucher Boote. (Foto: dpa)

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Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Begleitete bisher journalistisch sechs Landtagswahlen. Für sein Buch „Das Pfälzer Tischleindeckdich“ 2015 mit dem „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbandes ausgezeichnet.