Wie mein erster Wahlabend in der Redaktion verlief


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Ich habe eine liebe Freundin, die in Trier wohnt. Wir besuchen uns gegenseitig in regelmäßigen Abständen, und da Trier und mein Wohnort Ludwigshafen doch ein paar Kilometer voneinander entfernt liegen, dehnen wir unsere Besuche immer zu Wochenend-Trips aus, die wir einige Monate im Vorfeld ausmachen. Anfang des Jahres zückten wir beide also wieder unsere Terminkalender. Als meine Freundin das zweite Märzwochenende vorschlug, blockte ich sofort ab: „Da kann ich nicht. Im März bin ich im Südwest-Ressort, und am 13. sind Landtagswahlen. Du kannst dir ja vorstellen, was da in der Redaktion los sein wird.“

Eine Landtags- oder sonstige Wahl hatte ich aus Redaktionssicht zwar selbst noch nicht miterlebt. Aber ich hatte eine klare Vorstellung: Gestresste Redakteure, die aufgeregt durch die Flure rennen, oder hinter Papierbergen voller Torten- und Balkendiagrammen verschwinden und verzweifelt nach der aktuellsten Hochrechnung brüllen. Telefone, die nicht still stehen. Kurzum, ich stellte mich mental auf einen Abend voller redaktioneller Action ein, nicht zuletzt, da die Wahlen in Rheinland-Pfalz durch das prognostizierte Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und CDU besonders spannend zu werden versprachen.

Einen ersten Dämpfer verpasste mir einige Tage vor dem Wahlsonntag Südwest-Ressortleiter Rolf Schlicher. „Viel Aufregung und Gerenne wird es nicht geben“, sagte er mir. Der ist einfach schon abgehärtet, dachte ich da noch.

Kurz nach 18 Uhr betrete ich am Tag der Entscheidung also das Redaktionsgebäude. Im Flur: Totenstille. Aus einigen Büros höre ich im Vorbeigehen lediglich leises Gemurmel. Das ist die Ruhe vor dem Sturm, denke ich. Im Südwest-Ressort treffe ich drei entspannte Kollegen an. Die Telefone schweigen noch. Einige Kollegen treffen sich am Buffet, besprechen die ersten Prognosen. Rolf Schlicher hatte Recht. Es herrscht geschäftiges, aber kein hektisches Treiben.

Im Flur ist es immer noch ruhig. Niemand schreit rum, niemanden treibt der Abend an den Rand der Verzweiflung (ok, ab und zu brummt jemand etwas unverständliches vor sich hin). Däumchen dreht hier natürlich trotzdem niemand: Die Beiträge müssen geschrieben, die vier Sonderseiten mit Tabellen und Grafiken gefüllt, Blog und Live-Ticker müssen bestückt werden. Zwischendurch wird es mit dem Warten auf das vorläufige amtliche Endergebnis ein bisschen wie mit dem Warten auf Godot, aber dann muss alles ganz schnell gehen, und dabei wird es dann doch noch hektisch: Der Redaktionsschluss naht. Die Seiten müssen nochmal sorgfältig gelesen werden, nicht nur auf Tippfehler hin, auch der Inhalt muss überprüft werden, damit in dem ganzen Gewusel zum Beispiel der Frankthaler CDUler Christan Baldauf nicht plötzlich aus Versehen in Speyer landet (ähem).

Am Ende ist alles – und sind alle – geschafft. Das Ergebnis ist heute in der gedruckten Ausgabe der RHEINPFALZ, in der App und auf unserer Internetseite  zu lesen. Ich habe meine erste Wahlnacht in der Redaktion er- und überlebt. So turbulent, wie ich es mir vorgestellt hatte, ging es zwar nicht zu, die Stunden bis Redaktionsschluss vergingen aber trotzdem wie im Flug. Für die nächsten Wahlen bin ich besser gewappnet – und gehe die ganze Sache dann etwas entspannter an.

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Anna Warczok

Über Anna Warczok

1987 im polnischen Kattowitz geboren, wuchs aber im saarländischen Homburg auf. Hat dort jedoch nie bei einer Landtagswahl abgestimmt, da sie 2006 in die Pfalz zog, um in Germersheim Übersetzungswissenschaften zu studieren. Seit 2015 Volontärin bei der RHEINPFALZ, beobachtet zurzeit im Südwest-Ressort den redaktionellen Ausnahmezustand rund um die Landtagswahlen.