Das Mädchen, der Stier – und eine Wahl


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Wer nicht bis zum 13. März warten will, hat auch an diesem Wochenende bereits die Wahl: bei den Kunsttagen auf Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben. Die Veranstaltung geht bereits zum achten Mal über die Bühne und hat sich über die Jahre zu einem bunten Kunst-Jahrmarkt gemausert. Rund 400 Bilder regionaler, nationaler und internationaler Künstler werden diesmal zum Kauf angeboten. Sie sind meist in einer atemberaubenden, wilden Hängung quer durch die Räume der Villa zu sehen. Was dazu wohl der Erbauer des Schlosses, Bayern-König Ludwig I. (1786-1868) sagen würde? Initiator der Kunsttage sind fünf vorderpfälzische Lions-Clubs, der Reinerlös fließt in die Unterstützung und Förderung kranker oder behinderter Menschen.

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Ausschnitt aus Horst Janssens „Wahl-Sonntag 9 11 86“. (Foto: Lions-Club)

Ich habe gestern bereits im Katalog der Kunsttage gestöbert und bin auf eine Arbeit des Zeichengenies Horst Janssen (1929-1995) gestoßen. Ihr Titel: „Wahl-Sonntag“. Die Lithographie zeigt einen Stier, um dessen Hals eine nackte Frau hängt. Es tröpfelt Blut. Dass Janssen, dieser Exzentriker, Egomane und Provokateur, keine langweiligen, inhaltsleeren Wahlplakate gemalt hat, ist klar. Aber welcher Gedankenblitz hat ihn dieses Motiv wählen lassen?

Janssen war Hamburger. Auch als er weltberühmt wurde, zog er es vor, in seiner Heimatstadt zu bleiben. Am 9.11.1986 waren Bürgerschaftswahlen in Hamburg. Wieso er aber dieses Datum ausgerechnet auf dem Bild notiert hat, ist unklar. „Das haben wir noch nicht entschlüsselt“, sagt Antja Tietken, wissenschaftliche Mitarbeitern des Horst-Janssen-Museums in Oldenburg. Viel leichter zu deuten ist der Schriftzug, der am unteren Bildrand zu finden ist: „Lamme time“. Mit dem Kosenamen „Lamme“ hatten Janssen und seine erste Ehefrau Marie Knauer ihre 1956 geborene Tochter Katrin gerufen. Lamme Goedzak heißt eine Figur in dem 1867 erschienen Buch „Uhlenspiegel“ – und aus dem wurde im Hause Janssen damals gerne vorgelesen.

Nach der Scheidung war die Mutter 1959 nach Kanada gegangen, wo Lamme in Vancouver aufwuchs. Der Kontakt zum Vater war damals abgebrochen – fast 30 Jahre lang. „Erst nachdem ich selbst ein Kind hatte, dachte ich, es wäre schön, meinen Vater kennenzulernen“, hat die Künstler-Tochter später einmal erzählt. Mit dem Datum des ersten Wiedersehens, dem 10.10.’86, hat Horst Janssen danach monatelang seine Zeichnungen signiert und dazu als Schlüsselworte „Vancouver“ und „Lamme-Time“ hinzugesetzt.

In den letzten Jahren vor dem Tod des Künstlers kam es wieder zu einer intesiven Beziehung zu seiner Tochter. 1994 publizierte Janssen ein Buch: „Lamme, 72 Zeichnungen zu einem Tagebuch.“ „Wahl-Sonntag“ zeigt seine Lamme, wie sie am wild gewordenen Stier hängt; keine Europa auf dem Stier, sondern unter ihm. Wenn Sie wissen wollen, was Janssen rechts neben den Stiernacken gekritzelt hat, müssen Sie in die Villa kommen und einen kleinen Spiegel mitbringen …

Janssen war ein Ausnahmekünstler, ein Lebemann, ein Trinker und Raufbold. Sein Privatleben war turbulent. Seinen Frauengeschichten wurde im Oldenburger Horst-Janssen-Museum einmal eine eigene Ausstellung gewidmet. Lamme in einem Interview: „Ich kenne einige seiner Ex-Geliebten. Sie schwärmen noch von ihm. Einige haben nie wieder geheiratet. Sie schätzen, verehren und lieben ihn unglaublich.“

Übrigens: Bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen 1986 hatte die bis dahin alleine regierende SPD starke Verluste erlitten. Die Koalitionsverhandlungen scheiterten, sodass im Mai 1987 erneut gewählt werden musste. Ob uns in Rheinland-Pfalz eine solche Hängepartie nach dem am 13. März erspart bleibt? Sie haben es in der Hand! Packen Sie den Stier am „Wahl-Sonntag“ an den Hörnern!!

Info: Lions-Kunstage auf Villa Ludwigshöhe, Samstag (5. März), 12 bis 16 Uhr, Sonntag (6. März), 10 bis 16 Uhr. Internet: www.lions-kunsttage.de

Horst-Janssen-Museum Oldenburg: http://www.horst-janssen-museum.de/ 

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Das Mädchen und der Stier – Ausschnitt aus Horst Janssens Lithographie „Wahl-Sonntag“. (Foto: Lions-Club)

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Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Begleitete bisher journalistisch sechs Landtagswahlen. Für sein Buch „Das Pfälzer Tischleindeckdich“ 2015 mit dem „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbandes ausgezeichnet.