Die Falle der Senatoren


Von

Vermissen Sie auch schon die gewohnten Bilder aus früheren Landtagswahlkämpfen? Spatenstiche, Einweihungen, Eröffnungen. Ein Dutzend XYZ-Politiker graben mit einem Dutzend frisch aus dem Baumarkt geholter Spaten dort ein Stück Scholle um, wo irgendwann einmal eine Straße geteert werden soll. Und lachen in die Kameras. Oder ein Dutzend ZYX-Politiker mit einem Dutzend Scheren in den Händen schneiden ein Band durch – beispielsweise an einem neuen Radwegeverbindungsstück. Natürlich alles immer kurz vor dem Wahltermin.

Aktuell ist es bisher erstaunlich ruhig in dieser Hinsicht. Was vielleicht daran liegen mag, dass unser hoch verschuldetes Land einfach kein Geld mehr hat für Radwegeverbindungsstücke. Oder die Politiker haben erkannt, dass die meisten Wähler doch nicht so simpel ticken wie Labormäuse, die in ihrem Käfig in jene Ecke rennen, wo es Futter gibt. Aber Vorsicht? Freuen sie sich ja nicht zu früh!

Denn ganz ohne Spatenfotos geht es offenbar immer noch nicht. Ministerpräsidentin Malu Dreyer durfte jetzt eine Rebe im so genannten Prominenten-Wingert des „Mainzer Weinsenats“ pflanzen. Das war Dreyers Staatskanzlei gestern gleich eine eineinhalbseitige Pressemitteilung wert. Wow! Mit Foto, auf dem Dreyer zu sehen ist – natürlich mit Spaten. Wow! Wow!

„Ich fühle mich geehrt“, hat Dreyer gesagt. Der 2005 gegründete Weinsenat hat sich zum Ziel gesetzt, das Image des Rheinhessen-Weins zu heben. Kann er ja, darf er ja. Aber aufgepasst. Da gibt es Hintergedanken, die der Pfalz gefährlich werden könnten: Die Senatoren – zehn Männer und eine Frau – sagen nämlich: „Es ist an der Zeit, dass Mainz die ihm zukommende Rolle als Hauptstadt des deutschen Weins annimmt“.

Merkt Frau Dreyer denn nicht, was da abläuft? Dass sie mit dem Hofieren des Mainzer Weinsenats schnurstracks ihrer Geburtsstadt Neustadt, der bisherigen eigentlichen Hauptstadt des deutschen Weins, in den Rücken fällt? Die Wahl der Deutschen Weinkönigin hat sich Mainz ja in diesem Jahr bereits unter den Nagel gerissen – die angestammte Krönungsstätte Neustadt hat das Nachsehen. Nicht auszuschließen, dass sich die Mainzer jetzt auch den großen Winzerfestumzug, den Neustadt seit 1909 ausrichtet, schnappen wollen – wo doch ihr Rosenmontagsumzug gerade vom Wind verweht wurde. So gesehen, fühlen wir Pfälzer uns von Dreyers Prominentenrebe gar nicht geehrt …

Mit Spaten im Mainzer Prominenten-Wingert: Malu Dreyer strahlt ausnahmsweise nicht in die Kamera, sondern schaut fürsorglich hinunter auf ihre Rebe. (Foto: Staatskanzlei)

Mit Spaten im Mainzer Prominenten-Wingert: Malu Dreyer strahlt ausnahmsweise nicht in die Kamera, sondern schaut fürsorglich hinunter auf ihre Rebe. (Foto: Staatskanzlei)

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt am von .
Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Begleitete bisher journalistisch sechs Landtagswahlen. Für sein Buch „Das Pfälzer Tischleindeckdich“ 2015 mit dem „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbandes ausgezeichnet.