Huch, die gibt’s ja auch noch


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Es ist schon tragisch, wie schnell man in Vergessenheit geraten kann. Eben macht die Bunte noch Homestorys mit dir, wie du mit deinem Labrador im Vorgarten spielst, zack, bist du so uninteressant wie eine Waschmaschine in Kirgisistan. Gunter Gabriel kennt dieses Waschmaschinen-Gefühl allzu gut. Der Schlagersänger produzierte über Jahre Hit nach Hit für sich und andere, dann kamen Alkohol, Scheidungen und der finanzielle Ruin. Was blieb, war ein Hausboot.

Es ist vielleicht etwas gewagt, eine Partei mit Gunter Gabriel zu vergleichen (nein, es ist nicht die FDP), doch die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert immer gleich. Bist du nicht erfolgreich, geht es bergab. Und zwar steil. So erging es auch den Piraten. Manche erinnern sich vielleicht noch an die Partei, die antrat, um das analoge Establishment aufzumischen. Sie forderten Transparenz in den parlamentarischen Prozessen, mehr Bürgerbeteiligung und den direkten Austausch mit dem Wähler – übers Netz. Und plötzlich waren die Piraten auf Titelseiten und in Talkshows. Die Partei zerlegte sich nach einer kurzen Zeit des Aufbruchs Stück um Stück, weil die Realos gestalten und die basisdemokratischen Hardliner lieber debattieren wollten. Am Ende war nicht mehr viel übrig – nur ein paar Sitze in deutschen Landtagen sind geblieben. Der Berliner Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer sagte im vergangenem Jahr dem „Spiegel“, er glaube nicht daran, dass die Piraten zurückkämen. Sie seien aus den Köpfen der Menschen verschwunden.

Auch bei mir waren die Piraten nur noch eine trübe Erinnerung, bis ich vor einigen Tagen eine weitergeleitete Mail eines Kollegen öffnete. Im Betreff stand: „Piratenpartei Rheinland-Pfalz schärft ihr Programm zur Landtagswahl“. Darunter ein paar Sätze zum zurückliegenden Landesparteitag in Mainz, dazu drei Links zu den Themenschwerpunkten der Piraten. Mein Kollege schrieb mir: „Schau mal, die gibt’s ja auch noch.“ Und ja, es gibt sie wirklich noch. Auf ihrer Internetseite werben die Landes-Piraten um Stimmen, es geht auch um Flüchtlinge, bedingungsloses Grundeinkommen oder kostenlose Bildung. Auf der Homepage heißt es in einem Teaser: „Piraten? Das war doch mal die Hoffnung vieler? Mit genau diesem Wahlkampfspot stellt sich die Piratenpartei im TV und Internet vor. Sie ist immer noch die Partei, die nicht nur von einer Wahl zur nächsten denkt, sondern sie stellt Politik für die Zukunft vor.“

Die Zukunft sieht nicht sonderlich rosig aus für die Internetpartei. In aktuellen Umfragen wird sie unter „Sonstige“ geführt, also im politischen Niemandsland. Aber vielleicht hilft ja das Gunter-Gabriel-Prinzip. Der konzentrierte sich nach seinem Abstieg auf seine Kernkompetenzen. Er begann irgendwann wieder mit der Musik. Dann spielte er Theater, die Feuilletons wurden auf ihn aufmerksam, und kürzlich war er im Dschungelcamp zu sehen. Okay, letzteres ist keine Auszeichnung, aber Gabriel durfte in der „Bunten“ über die Sendung abhetzen. Den Piraten steht die nächste Dschungelprüfung mit der anstehenden Landtagswahl bevor. Maden müssen die Politik-Nerds nicht essen. Aber auch miese Wahlergebnisse können Brechreiz auslösen.

 

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Andreas Schlick

Über Andreas Schlick

1986 in Speyer als Sohn saarländischer Bildungsmigranten geboren. Lernte in der Grundschule Pfälzisch und gibt heute seiner Freundin aus dem Rheinland Sprachunterricht. Hat Politikwissenschaft studiert und zum Glück den Rat seiner Mutter befolgt, 2009 ein Praktikum bei der RHEINPFALZ zu machen. Fünf Jahre später begann er dort sein Volontariat.

2 Gedanken zu „Huch, die gibt’s ja auch noch

  1. Bodo Noeske

    Uiiiii,
    das mit Gunter Gabriel und Dschungelcamp ist wirklich harter tobac. Netterweise hätte Andreas Schlick lieber Meat Loaf heranziehen können. Der hatte auch so seine Probleme. Dann hätte ich mich wenigstens damit trösten können, das mit „bat out of hell“ ein Werk mit Ewigkeits- und Kultstatus zu Buche steht. Aber ich sehe ein, das dann der Gag mit den Maden dannnicht funktioniert hätte.

    Mit freundlichen Grüssen
    Bodo Noeske
    (in der Pfalz geborener Pirat im rheinhessischen Exil)

    PS: Totgesagte leben länger

  2. Brigitte Haferkamp

    Ja, es gibt die Piraten noch und sie sind ehrlich gesagt quicklebendig.
    Sie wirken nicht nur überall dort, wo sie in Landtags- und Kommunalparlamenten die etablierten Parteien mit unkonventionellen, neuen Ideen aus der Reserve locken. Unser Programm ist Blaupause für viele Programmneuheiten der Altparteien. Auch in die Regierungen und Parlamente haben wir gewirkt, da hat sich in Sachen Transparenz und Datenschutz ganz ordentlich was verändert. So, wie wir anfangs durch die Medien in aller Munde waren, werden wir jetzt halt von den Medien mehr oder weniger ignoriert, was uns allerdings recht wenig schert. Wir machen klar zum ändern.

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