Koalitionsknutschen nach Fernseh-Vorbild


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Landespolitiker können vom Privatfernsehen lernen. In Mainz müssen die Parteien jetzt irgendwie herausfinden, wer mit wem in den nächsten fünf Jahren herumkoalieren will. Dazu werden sie erst einmal Vorgespräche führen. Und dann Sondierungsgespräche. Und dann Koalitionsverhandlungen. Und dann Gespräche mit den eigenen Leuten, denen sie die Ergebnisse der Vorgespräche, Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen erklären. Also wird erst nach wochenlangem Gezerre feststehen, wer mit wem die neue politische Lebensabschnittsbeziehung eingeht. Dabei ginge das alles viel einfacher. Und schneller. „Pro Sieben“ macht es mit einer neuen Kuppelshow vor.

Bei „Kiss Bang Love“ bekommt eine paarungswillige Single-Frau die Augen verbunden und anschließend zwölf ebenso geblendete Herren vorgeführt, mit denen sie der Reihe nach probeknutscht. Fünf dieser Kandidaten darf sie danach zu einer zweiten Schlabber-Runde antreten lassen, ehe sie die Augenbinde abnehmen, zwei Spitzenknutscher auswählen und mit den so Erkorenen je eine Nacht verbringen muss. Abschließend, also nach der letzten sowie der allerletzten Werbepause, verkündet die ganz fürchterlich zwischen ihren beiden Superküssern hin und hergerissene Dame, welche Zunge sich fürderhin als einzige zwischen ihre Lippen schieben darf.

Für dieses Ausleseverfahren führt „Pro Sieben“ streng wissenschaftliche Gründe an: Die Lippen seien hundertmal empfindlicher als die Fingerspitzen. Und überhaupt, der Geruchssinn und so. Merkwürdigerweise erfährt der Zuschauer nach ein paar weiteren Werbepausen in der anschließend ausgestrahlten Promiklatsch-Sendung, warum es ausgerechnet mit diesen Pärchen diesmal doch nicht geklappt hat. Aber wenn Malu Dreyer und die kompetente FDP-Haushaltshilfe Volker Wissing …? Doch nein, vorher würde man sich in Mainz erbittert und wochenlang darüber zerstreiten, ob denn der AfD-Landeschef Uwe Junge auch mitknutschen darf.

Bleibt noch ein Vorschlag der Politikwissenschaftler vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Sie haben sich an den Wahl-O-Maten erinnert, mit dessen Hilfe ratlose Bürger im Internet vor dem Urnengang ermitteln können, welche Partei am besten zu ihren Ansichten passt. Mit dieser Online-Maschine, sagen die Forscher, kann man nun genauso gut ausrechnen, wer mit wem in den nächsten fünf Jahren herumkoalieren sollte. Was dabei herauskommt, beschreibt unser Politik-Redakteur Ralf Joas heute in der RHEINPFALZ. So viel kann ich hier schon verraten: Es bleibt schwierig. Ob’s unsere Landespolitiker nicht vielleicht doch mit der Idee aus Privatfernsehen versuchen wollen?

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Christoph Hämmelmann

Über Christoph Hämmelmann

Ursprünglich kannte er nur Landtagswahlen, bei denen immer dieselbe Partei gewinnt: Der 38-Jährige ist als bayerischer Staatsbürger aufgewachsen, hat in Würzburg Theologie studiert. Seit 2003 schreibt er für die RHEINPFALZ. Redakteur war er in den Lokalredaktionen Frankenthal und Ludwigshafen, seit 2014 gehört er zum pfalzweit zuständigen Team des Ressorts „Südwestdeutsche Zeitung“.