„Sag es endlich, Sophie!“


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Sophie Hunger

Unvergleichliches Ausnahmetalent: Sophie Hunger in der Kaiserslauterer Kammgarn. (Foto: Isabelle Girard de Soucanton)

Die Schweizer Ausnahmekünstlerin Sophie Hunger hatte keine Erwartungen an Kaiserslautern, wo sie am Montagabend mit ihrer Band in der Kammgarn auftrat: „Ich war noch nie in Kaiserslautern, ich kenne da niemand“, sagte die 32-jährige Singer-Songwriterin dem Publikum. Dass dem so ist, da sei sie sich sehr, sehr, sehr sicher. Hunger: „Ich war in den 90ern einmal ein großer Fußballfan, da wüsste ich, wenn ich schon einmal in Kaiserslautern gewesen wäre.“ Doch dann wurden Sophie Hungers Erwartungen in Kaiserslautern über alle Maßen übertroffen. Die Stadt war an diesem Abend erste Wahl für sie. Und das alles nur, weil es schneite.

Sophie Hungers Musik spannt einen weiten Bogen: Vom zerbrechlichen Chanson, über die harte Rock’n‘Roll-Riffs bis zu nervösen Jazzkaskaden. Ganz am Schluss, vor der letzten Zugabe – wie fast immer bei ihr das so schön melancholische Stück „Train People“ – sitzt sie versunken am Piano und will den Kaiserslauterer Fans etwas mitteilen. So wie Hunger spricht, scheint es was Wichtiges zu sein. Dann relativiert sie wieder. Sinniert. Und lacht dieses mädchenhafte Lachen, das so staunend wie durchschauend ist. Was liegt Hunger denn nun so am Herzen? „Sag es endlich, Sophie!“, möchte man ihr zurufen. Dann sagt sie es: „Ich habe seit zwei Jahren keinen Schnee gesehen und jetzt heute Abend hier in Kaiserslautern schneit es.“ Ausgerechnet in dieser Stadt, wo die Schweizerin, die seit Jahren auf ausgedehnte Konzerttouren geht und viel herumkommt, noch nie war. Unglaublich, verrückt – und schön, findet sie das. Schnee hat Gefühl. Nicht nur für Hunger an diesem Abend.

Während die eine Hälfte der Pfalz entlang der Weinstraße seit Wochen  ungläubig auf frühlingshungrig blühende Mandelbäume starrt, ist im anderen Teil an diesem Abend tatsächlich Winter. Und als wollte er Sophie Hunger eine Freude machen, lässt der Kaiserslauterer Winterdienst den Schnee diesmal auf der Straße liegen. Erst außerhalb des Stadtgebietes sind die Straßen abgestreut. Schnee ist ein Gefühl.

Bei unserer Heimfahrt an die Weinstraße kommen wir zwangsläufig, wie überall in diesen Tagen, an den vielen Wahlplakaten vorbei. Und da fällt mir im Nachhinein noch etwas an Hunger auf: Sie war völlig ungeschminkt. Sie ist kein Hochglanzpolitikwesen, sie ist Poesie. Doch was hatte sie am Beginn des Konzerts gesagt, als das Publikum ihr nach der Beichte ihrer frühen Fußballfan-Zeiten sprach- und widerspruchslos an den Lippen hing? „Euch kann man ja alles erzählen“. Und nach einer kleinen Pause: „Das ist gefährlich.“ War die Sache mit dem Schnee auch nur so eine Erzählung?

Mein Kollege Fabian Lovisa, für die Kulturberichterstattung in Kaiserslautern zuständig, war ebenfalls beim Sophie Hunger-Konzert. Beruflich. Seine Kritik können Sie morgen auf der überregionalen Kulturseite lesen. Ich bin gespannt, was er Sophie Hunger, der vielsprachigen Diplomatentochter, der Musikgeniefrau und der gerade in Berlin lebenden Schweizern, geglaubt hat.

Hunger

Lebt momentan in Berlin, hat einen Freund irgendwo in den Schweizer Bergen, „wo weniger als 30 Leute leben“, wie sie sagt: Sophie Hunger beim Konzert in Kaiserslautern. (Foto: Isabelle Girard de Soucanton)

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Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Begleitete bisher journalistisch sechs Landtagswahlen. Für sein Buch „Das Pfälzer Tischleindeckdich“ 2015 mit dem „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbandes ausgezeichnet.

Ein Gedanke zu „„Sag es endlich, Sophie!“

  1. himmer gabi

    Sophies großer Auftritt
    Auch uns ist auf der Heimfahrt nach NW aufgefallen, dass Sophie VÖLLIG ungeschminkt daherkommt. Wir alle vier (m. u. w. ) im Auto fanden diesen Zustand uneingeschränkt positiv.
    Man meinte sie hat auch vergessen sich umzuziehen. Das Kleid – bequem und unspektakulär – unterstreicht eine Haltung, die auffallend unauffällig daher kommt.
    Ihre Stimme erfüllt alles, Raum und Zeit, hat Farben und Muster aller Art, wozu also anstreichen und schmücken.

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