Schiibi, Schiiba, Schiibo!


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Sie kennen ja inzwischen meinen Freund Charly ein wenig: Er beliefert einen mit grünen Hühnereiern, ist Faltbootfahrer und kommt aus dem südbadischen Weil. Immer wenn wir uns treffen, geht es natürlich um die entscheidende Frage: Was ist die schönste und beste Lebensart, unsere pfälzische oder Charlys alemannische? Dort unten im Markgräflerland trinken sie Gutedel. Nun ja, ein akzeptabler Wein. Aber mit unserem Riesling kann dieser Gutedel natürlich nicht mithalten. Charly grillt gerne Klöpfer, das ist eine Art dicke Cervelat im Rinderdarm. Nun ja, da kann man schon einmal reinbeißen. Aber so ein verbrutzelter Klöpfer ist ein Nichts – also quasi ein armes Würstchen – im Vergleich zu einer herzhaften Scheibe Pfälzer Saumagen.

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Fast wie beim Golfen: Scheibenschlagen im Südschwarzwald. (Foto: dpa)

Nur um eines beneide ich die Leute im Markgräflerland – um das Scheibenschlagen. Nicht nur, dass dies ein zünftiger Brauch ist. Scheibenschlagen hätte auch das ganze Wahlkampfgeschrei der vergangenen Wochen völlig überflüssig machen können: „Schiibi, Schiiba, Schiibo!“ Das ist der Schlachtruf, der allseits beim Scheibenschlagen ertönt. Charly hat mich einmal dazu mitgenommen. Das Scheibenschlagen ist die alemannische Art der Wintervertreibung. Man trifft sich auf einer Anhöhe, wo schon ein Feuer lodert. Für das Spektakel braucht man einen biegsamen Stock und natürlich Scheiben. Die sind meist aus Buchenholz, zehn auf zehn Zentimeter groß und haben ein Loch in der Mitte. Solch eine Scheibe steckt man vorne auf den Stock, hält sie dann ins Feuer, bis sie glüht.

Dann geht es zum Abschlag an eine schräge, hölzerne Rampe. Der Stock wird geschwungen, ein Ruck und die Funken sprühende Scheibe saust im hohen Bogen ins Tal. Dazu gehört ein passender Spruch. Beispielsweise der: „Schiibi, Schiiba, Schiibo! Wem soll die Schiibe go? Die Schiibe, die soll surre, em . . . an d´Schnurre!“ In die drei Punkte können nun Wahlkämpfer oder über Wahlkämpfer erboste Wähler oder über Wähler erzürnte andere Wähler einsetzen, wen sie wollen.

Beim Scheibenschlagen mit Charly bei Weil gab es einen klaren Adressaten: „Die Schiibe, die soll surre, em Franzose an d´Schnurre!“, riefen die Leute.  Da unten im Dreiländereck geht es eben mitunter rau, aber herzlich zu. „Schnurre“ bedeutet im Alemannischen übrigens so viel wie im Pfälzischen „Gosch“. Und im Prinzip lässt sich das Scheibenschlagen deshalb auch als die hierzulande bestens bekannte Aufforderung deuten: „Jetzerd hall emol die Gosch!“ Was Politikern in Wahlkampfzeiten zugegebenermaßen schwer fällt.

Warum das Scheibenschlagen in der Pfalz bisher keinen Platz gefunden hat, ist wirklich unverständlich. Denn die Tradition ist lang. Erstmals urkundlich erwähnt ist diese Art der Wintervertreibung im Jahr 1090 – damals setzte eine geschlagene glühende Scheibe ein Nebengebäude des Klosters Lorsch in Brand. Inzwischen haben sich auch Naturwissenschaftler dieses Brauchtums aus dem Markgräflerland angenommen. Der bekannte Zoologe Werner Nachtigall, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität in Saarbrücken forschte und lehrte, war vom Scheibenschlagen so begeistert, dass er sich intensiv mit der dahinterliegenden Physik befasste und das aerodynamische Verhalten untersuchte. Wie hoch sind Startgeschwindigkeit und Startimpuls der Scheibe? Wie wirkt sie als Flugkörper und wie stabilisiert sie ihren Flug?

Alles graue Theorie. Wer sich – wie ich damals mit Charly – erstmals im Scheibenschlagen versucht, hat genug mit der Praxis zu tun. Denn ganz so einfach ist es nicht, die Scheibe mit dem richtigen Rums in den Nachthimmel zu schleudern. Dazu braucht es Dynamik, Spannkraft, Verve und Begeisterung. All das also, was Politiker auch im Wahlkampf haben müssen.

Damals beim Scheibenschlagen mit Charly auf der Anhöhe bei Weil gab es natürlich Gutedel und Klöpfer. Die können auch einem Pfälzer ausnahmsweise richtig gut schmecken, wenn ihm nach ein Dutzend Fehlversuchen der erste Scheibenflug gelingt. „Schiibi, Schiiba, Schiibo …“

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Und ab geht die Post: Im Markgräflerland ist das Scheibenschlagen zur Wintervertreibung beliebt. (Foto: dpa)

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Rolf Schlicher

Über Rolf Schlicher

Geboren 1955 am Fuße des Betzenbergs. Während des Studiums (Politikwissenschaften, Germanistik) Volontariat bei der RHEINPFALZ. Leitet dort seit 2000 das Ressort „Südwestdeutsche Zeitung“. Begleitete bisher journalistisch sechs Landtagswahlen. Für sein Buch „Das Pfälzer Tischleindeckdich“ 2015 mit dem „Medienpreis Pfalz“ des Bezirksverbandes ausgezeichnet.