Wahltag: Ich hab’s getan


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Wie die grauen Urnen und die grauen Wahlkabinen doch selbst einem Jugendzentrum etwas Staatstragendes verleihen können. Eben habe ich in meinem Wahlbezirk 4101 in Mainz meine Stimme abgegeben. Es ist für mich immer wieder ein ganz besonderer Akt, den Umschlag in die Urne zu werfen und auf das Wahlergebnis am Abend zu warten. Einmal war ich bisher bei einer Wahl nicht zu Hause und habe meine Stimme per Briefwahl abgegeben. Das Gefühl war anders. Vielleicht mag ich das Emotionale des Wahltags, weil ich mich immer noch aufregen kann über schlechte Politik und weil ich mich freue, wenn kluge Politikerinnen und Politiker guten Lösungen den Weg bahnen im mühsamen politischen Prozess. Vielleicht gehe ich auch gerne wählen wegen Helmut Kohl.

Ihm habe ich es nämlich bis heute nicht verziehen, dass er mir meine Erstwahl im Oktober 1984 vereitelt hat. Die 1980er Jahre: Atomkraft, Nato-Doppelbeschluss, die Friedensbewegung und der Umweltschutz. Wir waren alle unglaublich politisch interessiert und mussten uns von unseren Alt-68er Lehrern anhören, was für tolle Kerle sie doch in unserem Alter gewesen sind. Anderen Lehrern nötigten wir eine Begründung ab, warum sie zu einer Reserveübung der Bundeswehr gingen. Das Internet gab es damals noch nicht. Die Diskussionen waren live und analog. Natürlich wollten wir wählen, mitmischen. Aber dann kam das konstruktive Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD). Die FDP schwenkte zur CDU und Kohl wurde Kanzler, die Neuwahl war unumgänglich. Statt im Oktober 1984 wurde bereits im März 1983 gewählt. Da war ich eineinhalb Jahre von meinem 18. Geburtstag entfernt und total sauer. Schon deshalb lasse ich keine Gelegenheit aus, meine Stimme abzugeben.

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Karin Dauscher

Über Karin Dauscher

Karin Dauscher (49) beobachtet die Landespolitik seit 2001. Sie hat Rot-Gelb, Rot und Rot-Grün an der Regierung erlebt, die Einführung der Ganztagsschule, den Streit um den Nürburgring und das Ringen um die Energiewende. Nach einem Studium der Germanistik, der Politikwissenschaft und der Vergleichenden Literaturwissenschaft volontierte sie in der Öffentlichkeitsabteilung der BASF und wechselte 1994 zur RHEINPFALZ. Ihr Kürzel: kad